Berlin, 16.07.2025 – Die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V. (DGS) schlägt Alarm: „Statt einer Verbesserung erleben wir aktuell, dass die ohnehin unzureichende schmerztherapeutische Versorgung in Deutschland sich in Zukunft signifikant zu verschlechtern droht“, beklagt Dr. med. Richard Ibrahim, Präsident dieser Fachgesellschaft und größten Versorgergesellschaft Deutschlands. Sowohl im stationären als auch im ambulanten Bereich drohen massive Einschränkungen der Patientenversorgung.
Aufgrund der Veränderungen durch die Krankenhausreform ist die Situation im stationären Bereich besonders besorgniserregend: „Ein dringend benötigter Leistungskomplex für die multimodale Schmerztherapie ist bisher nicht in Sicht. Trotz zahlreicher Bemühungen und Gespräche zwischen Vertretern verschiedener Verbände, Organisationen und gesundheitspolitischen Funktionären bestehen keine Aussichten oder Willenserklärungen für die Sicherung und Stabilität der stationären multimodalen Schmerztherapie (IMST) zur Versorgung chronischer Schmerzpatinnen und -patienten“, erläutert Dr. Ibrahim. Die Unsicherheiten seien in zahlreichen Schmerzeinrichtungen bzw. -kliniken bereits prägnant spürbar. „Ohne eine schnelle Lösung droht ein Kollaps der stationären Schmerzversorgung“, so das Fazit des Schmerzexperten.
Ambulanter Bereich: 40-prozentige Kürzung der Qualitätszuschläge in der hausärztlichen Versorgung bedroht aktuell die Bundesländer Berlin und Rheinland-Pfalz
Auch im ambulanten schmerztherapeutischen Bereich sieht die Situation nicht besser aus. Hier sind akut diejenigen Kolleginnen und Kollegen gefährdet, die in der hausärztlichen Praxis schmerztherapeutisch tätig sind. Hier kommt es beispielsweise – gemäß Beschluss der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin vom 10. Juli 2025 – zu einer Reduktion des Qualitätszuschlags Versorgung (QZV) um 40 Prozent.
Aufgrund dieser teilweisen Entbudgetierung, geplant ab Oktober 2025, ändert sich die Vergütungsstruktur für Hausärzte aus Berlin und Rheinland-Pfalz daher dramatisch und grundlegend. Während bestimmte hausärztliche Leistungen „entdeckelt“ werden, bleiben andere Bereiche wie die schmerztherapeutische Versorgung weiterhin budgetiert. Für diese Restleistungen werden die bisherigen Regelleistungsvolumina (RLV) und Qualifikationsgebundenen Zusatzvolumen (QZV) durch Besondere Vergütungsvolumina (BVV) ersetzt, bei denen die Auszahlungsquote voraussichtlich nur noch bei etwa 63 Prozent liegen wird. Es bleibt abzuwarten, ob auch andere Bundesländer ähnliche Maßnahmen wie Berlin und Rheinland-Pfalz ergreifen oder ob sie sich auf die bundesweiten Vorgaben zur Entbudgetierung beschränken. Kritische Ausgangslage Die Versorgung chronischer Schmerzpatientinnen und -patienten in Deutschland ist bereits heute unzureichend. Auf 14,2 Millionen Betroffene kommen derzeit nur etwa 1.400 spezialisierte Behandlerinnen und Behandler. Für eine flächendeckende Versorgung der rund 4 Millionen schwerstgradig Schmerzkranken wären mindestens 10.000 ausgebildete Schmerzmediziner nötig.
Gemeinsame Forderung der Fachverbände und Aufruf zum Handeln
Gemeinsam mit anderen Fachverbänden fordert die DGS, dass die Schmerzmedizin künftig Teil der Krankenhausreform sein muss, da derzeit stationär angebotene Schmerztherapien gefährdet sind, wenn die Spezielle Schmerztherapie nicht als eigenständige Leistungsgruppe im Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetz (KHVVG) abgebildet werden wird. Alle betroffenen Schmerzmedizinerinnen und -mediziner werden daher aufgerufen, sich aktiv zu beteiligen. „Je mehr wir sind, desto stärker wird unsere Stimme gehört", betont Dr. Ibrahim. „Lassen Sie uns gemeinsam auf dem Innovationsforum der DGS vom 14. bis 15. November 2025 in München diskutieren und gemeinsam nach Lösungen suchen", so sein Appell. Betroffene DGS-Mitglieder können sich bei Fragen und Anliegen unter info@dgschmerzmedizin.de an die Geschäftsstelle der DGS wenden. Gerne werden wir die weitere aktuelle Bundes- und landespolitische Entwicklung beobachten und im Auge behalten.
Weckruf an die Politik
„Diese neuen Entwicklungen verschärfen eine ohnehin kritische Situation dramatisch", warnt auch Dr. med. Jan-Peter Jansen, Vizepräsident der DGS. „Wir fordern die Politik und die Kostenträger auf, endlich zu handeln, um die schmerzmedizinische Versorgung in Deutschland – sowohl ambulant wie stationär – flächendeckend zu sichern und endlich den Facharzt für Schmerzmedizin neu über die Bundes- und Landesärztekammer zu etablieren.“
Mission der größten Versorgergesellschaft für Schmerztherapie in Deutschland und Europa
Die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V. (DGS) ist mit 4.013 Mitgliedern und 115 Schmerzzentren die führende Fachgesellschaft zur Versorgung von Menschen mit chronischen Schmerzen. In enger Zusammenarbeit mit der Deutschen Schmerzliga e.V. ist es ihr vorrangiges Ziel, die Lebensqualität dieser Menschen zu verbessern – durch eine bessere Diagnostik und eine am Lebensalltag des Patienten orientierte Therapie. Dafür arbeiten die Mitglieder der DGS tagtäglich in ärztlichen Praxen, Kliniken, Schmerzzentren, Apotheken, physiotherapeutischen und psychotherapeutischen Einrichtungen interdisziplinär zusammen. Die von der DGS gestalteten jährlich stattfindenden Deutschen Schmerz- und Palliativtage und das Innovationsforum zählen seit 1989 bzw. 2008 auch international zu den wichtigen Fachveranstaltungen und Dialogforen. Aktuell versorgen etwa 1.400 ambulant tätige Schmerzmediziner die zunehmende Zahl an Patientinnen und Patienten. Für eine flächendeckende Versorgung der rund 4 Millionen schwerstgradig Schmerzkranken wären mindestens 10.000 ausgebildete Schmerzmediziner zusätzlich nötig. Um eine bessere Versorgung von Menschen mit chronischen Schmerzen zu erreichen, fordert die DGS ganzheitliche und bedürfnisorientierte Strukturen – ambulant wie stationär – sowie eine grundlegende Neuorientierung der Bedarfsplanung mit der Schaffung eines Facharztes für Schmerzmedizin.